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Was leisten digitale Technologien für die Qualität in der Pflege?

AAL-Forschungsprojekt, Pflege

Der Bedarf an pflegerischer Versorgung steigt, gleichzeitig sind personelle und finanzielle Ressourcen begrenzt. Digitale Technologien und Assistenzsysteme werden als Möglichkeit gesehen, die entstehende Lücke zu füllen und dabei sogar die Pflege besser und sicherer zu machen.

Die DGQ hat in Kooperation mit der AAL-Akademie ein Forschungsprojekt gestartet, das den „Zusammenhang zwischen dem Einsatz von Assistenzsystemen und Qualitätsveränderungen in der ambulanten Pflege“ (ZAQ) untersucht.

Innovation trifft auf Hürden

Das Angebot an digitalen und technischen Lösungen wächst rasant. Das Spektrum reicht von digitalen Dokumentationssystemen über smarte Applikationen bis hin zu Sensorik, vernetzten Assistenzsystemen und KI-Anwendungen. In der Praxis wird aber nicht benötigt, was technisch möglich, sondern welche Lösung wirksam ist und gleichzeitig einen Beitrag zur Versorgungsqualität leistet.

Die strukturellen Herausforderungen sind allerdings zahlreich und wiegen gleichzeitig schwer:

Hoher Veränderungsdruck

Pflege muss bei aufspreizender Ressourcen-Nachfrage-Schere eine wachsende und komplexer werdende Versorgung bewältigen.

Unübersichtliches Angebot

Die Zahl digitaler und technischer Lösungen wächst, ihre Nutzbarkeit in der Pflege ist jedoch sehr unterschiedlich.

Zersplitterte Rahmenbedingungen

Finanzierung und Einsatzmöglichkeiten digitaler Technologien sind durch schwierige rechtliche und leistungsrechtliche Rahmenbedingungen geprägt.

Akzeptanz- und Kulturbarriere

Vorbehalte auf verschiedenen Ebenen, die in der Entlastung durch Technologie keinen pflegerischen Mehrwert sehen oder diese sogar als Risiko einschätzen.

Offene Qualitätsfrage

Für viele Anwendungen ist bislang nicht ausreichend belegt, ob und in welchen Dimensionen sie tatsächlich die pflegerische Versorgung verbessern.

Damit rückt eine grundlegende Frage in den Mittelpunkt: Was leisten digitale Technologien für die Qualität in der Pflege?

Digitalisierung braucht einen Qualitätsnachweis

Der Einsatz digitaler Assistenzsysteme wird häufig mit Effizienzgewinnen durch kurzfristige Ressourcenschonung begründet. Das muss nicht deckungsgleich mit einer Versorgungsverbesserung sein.

Wird beispielsweise ein Pflegebericht nicht mehr handschriftlich, sondern digital erfasst und verkürzt sich dadurch die Dokumentationszeit, ist das ein Effizienzgewinn. Aber wenn die eingesparte Zeit für Tätigkeiten genutzt wird, die keinen Einfluss auf die Versorgung der Klient:in hat, ist es keine Versorgungsverbesserung. Auch die bloße Digitalisierung einer Dokumentation führt zwar zu einem Zeitgewinn. Aber wenn sie weder vollständiger, aussagekräftiger oder für die weitere Versorgungsplanung besser nutzbar wird, gibt es keinen Gewinn für den Pflegeprozess.

Entscheidend für den Einsatz von Technologien ist also nicht nur, ob sie generell wirksam oder effizient sind, sondern, dass sie auch für die Qualität der pflegerischen Versorgung relevant sind.

Gerade für die ambulante Pflege ist die Datenlage zu solchen Zusammenhängen bislang schwach. Es gibt zahlreiche Erfahrungen mit einzelnen Technologien und teilweise auch Wirksamkeitsnachweise. Belastbare Erkenntnisse darüber, ob und in welchen Dimensionen Assistenzsysteme die Qualität der Pflege verändern und unter welchen Bedingungen dies geschieht, fehlen jedoch weitgehend. ZAQ setzt an dieser Lücke an.

Die Bedeutung von Qualität in der Pflege unter digitalen Bedingungen

Damit Qualität untersucht werden kann, muss zunächst geklärt werden, was eine Qualitätsveränderung ist. Was macht gute Pflege aus, wenn digitale Assistenzsysteme Bestandteil des Versorgungsprozesses sind? Welche Veränderungen sind tatsächlich qualitätsrelevant – und woran lassen sie sich erkennen und messen?

Im Projekt stehen vier Bereiche im Fokus: Dokumentation, Dekubitus/Wunde, Inkontinenz und Teilhabe.

Es kommen unterschiedliche Qualitätsaspekte in Betracht, dazu gehören:

  • Vollständigkeit und Zeitaufwand von Dokumentationen,
  • Versorgungssicherheit,
  • Behandlungsergebnisse,
  • Fehlerreduktion,
  • soziale Teilhabe und
  • Selbstständigkeit.

Entscheidend ist, was sich durch den Einsatz von Technologien im Pflegeprozess und für die Versorgung der Menschen verändert.

Aus der Praxis zum Qualitätsmodell

Die erste Phase von ZAQ ist qualitativ angelegt. In leitfadengestützten Interviews werden Expert:innen zu ihren Erfahrungen und Einschätzungen befragt. Im Mittelpunkt steht, welche Kriterien aus der Praxisperspektive relevant sind, wenn Pflegequalität im Zusammenhang mit digitalen Assistenzsystemen bewertet werden soll.

Die Ergebnisse dieser Interviews fließen in die Entwicklung eines standardisierten Fragebogens ein. Dieser soll anschließend in Einrichtungen mit ambulantem Pflege-Setting eingesetzt werden. Die Ergebnisse sollen in die Entwicklung eines Modells einfließen, das Aussagen darüber ermöglicht, unter welchen Bedingungen Qualitätsveränderungen bei Pflege-Interventionen mit Technologienutzung zu erwarten sind.

Perspektivwechsel zur Outcome-Qualität

Für die Bewertung digitaler Technologien bedeutet das einen Perspektivwechsel. Nicht die technische Funktion eines Systems steht im Mittelpunkt, sondern die Wirkung im Versorgungsgeschehen.

Ein System kann Arbeitsabläufe beschleunigen, Informationen schneller verfügbar machen oder Pflegekräfte von bestimmten Tätigkeiten entlasten. Das sind wichtige Kriterien. Ein Qualitätsgewinn für die pflegerische Versorgung entsteht daraus jedoch nicht automatisch. Entscheidend ist, ob sich die Pflege-Outcomes verbessern, also in einer besseren, sichereren oder stärker an den Bedürfnissen der Pflegeempfangenden orientierten Versorgung niederschlagen.

Angesichts des wachsenden Angebots und der begrenzten Ressourcen gewinnen qualitätsorientierte Entscheidungen an Bedeutung. Doch die brauchen nachvollziehbare Kriterien und möglichst belastbare Erkenntnisse darüber, welche Technologien unter welchen Bedingungen welchen Beitrag zu guter Pflege leisten können.

Die Ergebnisse des Forschungsprojekts sollen im ersten Halbjahr 2027 vorliegen. Sie sollen dazu beitragen, die Diskussion über Digitalisierung in der Pflege zu versachlichen und ihren konkreten Beitrag für die Güte der Versorgung messbar zu machen.

 

Über den Autor:
Holger Dudel ist Fachreferent Pflege der DGQ. Er ist gelernter Krankenpfleger und studierter Pflegepädagoge und Pflegewissenschaftler. Er hat zuvor Leitungsfunktionen bei privaten, kommunalen und freigemeinnützigen Trägern der Langzeitpflege auf Bundesebene innegehabt. Qualität im Sozialwesen bedeutet für ihn, dass neben objektiver Evidenz auch das „Subjektive“, Haltung und Beziehung ihren Platz haben.

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