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ISO 9001 Auditing Practices Group: Kostenlose Orientierung für wirksame Audits

ISO 9001 Auditing Practices Group, Audit

Audits sollen nicht nur Abweichungen finden. Sie sollen zeigen, ob Prozesse wirken, Risiken beherrscht und aktualisiert und Ziele erreicht werden. In der Praxis entstehen dabei Fragen:

  • Wie lässt sich eine abstrakte Normforderung auditieren?
  • Welche Nachweise sind aussagekräftig?
  • Wie weit darf eine Interpretation gehen, ohne eine zusätzliche Forderung zu erzeugen?

Hier setzt die ISO 9001 Auditing Practices Group (APG) an. Diese informelle Gruppe von QM-Experten, Auditoren und Praktikern aus dem Umfeld von ISO/TC 176 und IAF (Global-ACI) stellt Fachbeiträge, Beispiele und Hintergrundinformationen zur Auditierung von QM-Systemen bereit. Die Dokumente stehen kostenfrei über die Website des ISO/TC 176 zur Verfügung.

Die veröffentlichten Unterlagen richten sich an

  • 1st/2nd/3rd-Party-Auditoren
  • Begutachtern von Akkreditierungsstellen
  • QM-Fachpersonal
  • Berater
  • Trainer

Dieser Beitrag erläutert Auftrag, Nutzen und Grenzen der APG und zeigt, wie sich ihre Inhalte im Auditalltag sinnvoll einsetzen lassen – auch mit Blick auf die ISO 9001:2026.

Fachlicher Hintergrund

Die APG entstand 2003 als informelle Arbeitsgruppe von Auditexperten und -praktikern und umfasst heute 39 Mitglieder aus Normungsgremien und Organisationen weltweit; der DIN ist mit zwei deutschen Mitwirkenden vertreten.

Die Mission ist klar: Die APG gibt praktische Hinweise, Beispiele und technischen Hintergrund dazu, wie Audits geplant, durchgeführt und berichtet werden. Ihr Anwendungsbereich umfasst die Auditierung der ISO-9001-Anforderungen, den Auditprozess selbst sowie einschlägige Dokumente von ISO/TC 176.

Die fachliche Klammer bilden ISO 9001 und ISO 19011. Im Mittelpunkt stehen prozess- und risikobasiertes Denken.

Aktueller Bedarf an Orientierung

Die Revision der ISO 9001 wird am 16. September 2026 veröffentlicht. Damit gewinnen Orientierungshilfen für Qualitätskultur und ethisches Verhalten sowie der erweiterten Betrachtung von Risiken und Chancen an Bedeutung.

Aber: Die APG-Dokumente sind keine verbindlichen, von ISO oder IAF (Global-ACI) bestätigten Interpretationen. Sie geben fachliche Orientierung und Beispiele aus der Auditpraxis, ersetzen aber weder den Normtext noch verbindliche Zertifizierungsanforderungen. Vielmehr sollen sie allen Beteiligten am Auditprozess ein gemeinsames Praxisverständnis vermitteln.

Analyse: Was die APG leistet

Unterschiedliche Sichtweisen stärken die Auditierung

Die APG gibt keine einheitliche oder verbindliche Anwendung der ISO 9001 vor. Ihre Papiere beruhen auf unterschiedlichen Perspektiven, Auditkontexten und Erfahrungen. Deshalb können sich Inhalte, Schwerpunktsetzungen und Beispiele unterscheiden.
Diese Vielfalt ist kein Widerspruch, sondern ein wesentlicher Nutzen der APG. Sie unterstützt dabei, die eigene Auditpraxis zu reflektieren:

  • Sind die Auditfragen auf den jeweiligen Prozess ausgerichtet?
  • Werden Risiken und Chancen angemessen betrachtet?
  • Sind die Nachweise für eine belastbare Bewertung ausreichend?

Die APG ermöglicht, unterschiedliche Sichtweisen zu vergleichen und auf die konkrete Organisation zu übertragen. Gerade diese Auseinandersetzung stärkt die Professionalität und die Relevanz von Audits.

Normsprache in Audithandeln übersetzen

Der zentrale Nutzen liegt in der Verbindung abstrakter Normanforderungen mit der Auditpraxis Die Unterlagen geben Hinweise zu Planung, Gesprächsführung, Stichprobenauswahl und Bewertung. Sie unterstützen damit die sachgerechte Anwendung der Norm im jeweiligen Kontext. APG-Unterlagen helfen, geeignete Auditfragen und nachvollziehbare Nachweisketten abzuleiten. Sie ersetzen jedoch weder das Verständnis der Norm noch die Kompetenz des Auditors, die jeweilige Situation angemessen zu bewerten.

Prozess- und risikobasiertes Audit verbinden

Prozessansatz und risikobasiertes Denken entfalten ihren Wert erst gemeinsam. Ein Prozess kann formal beschrieben sein und dennoch kritische Risiken nicht wirksam steuern. Umgekehrt können Risiken wirksam beherrscht werden, ohne dass dafür umfangreiche Dokumentation vorliegt.

Beispiel: Bei einem ausgelagerten Fertigungsschritt sollte der Auditor nicht nur Vertrag und Lieferantenliste prüfen. Entscheidend sind unter anderem kritische Konformitätsmerkmale, Auswahl und Überwachung des Lieferanten, der Umgang mit Änderungen sowie die Nutzung von Leistungsdaten für Verbesserungen.

Die APG unterstützt dabei, solche Zusammenhänge systematisch zu erschließen. Sie hilft, die Auditierung von der isolierten Prüfung einzelner Forderungen zu einer Betrachtung von Prozessen, Wechselwirkungen und Risiken weiterzuentwickeln. Die Bewertung bleibt jedoch beim Auditor; sie muss sich auf Auditkriterien, objektive Nachweise und den konkreten Kontext der Organisation stützen.

Interpretationshilfe hat Grenzen

APG-Papiere dienen der Orientierung, stellen aber keine verbindlichen Interpretationen dar. Die Dokumente sind nicht definitiv, können unterschiedliche Sichtweisen widerspiegeln und sollen weder als festgelegte Anforderungen noch als Branchenbenchmark dienen.

Ein fehlender, im APG-Papier als Beispiel genannter Nachweis begründet daher keine Nichtkonformität. Maßgeblich bleiben die anwendbaren Norm-, Rechts- und Kundenanforderungen sowie die nachweisbaren Prozesse und Ergebnisse.

Der richtige Umgang mit Beispielfragen

Gute Fragen öffnen den Prozess; ersetzen aber nicht das professionelle Urteil. Die APG stellt orientierende Fragen bereit. Ein häufiges Missverständnis besteht darin, diese Beispielfragen unverändert als vollständiges Prüfprogramm zu übernehmen. Dadurch werden zwar viele Fragen dokumentiert, aber nur begrenzt Erkenntnisse über die Prozesswirksamkeit gewonnen.

Sinnvoller ist eine flexible Nachweiskette:

  • Was soll der Prozess erreichen?
  • Woran erkennt die Organisation seine Wirksamkeit?
  • Welche Daten und Ergebnisse liegen vor?
  • Wie reagiert die Organisation auf Abweichungen oder veränderte Risiken?

Die von der APG bereitgestellten Fragen müssen an Branche, Größe, Komplexität und Reifegrad angepasst werden. So entsteht eine belastbare Bewertung statt einer bloßen Antwortsammlung.

Aktuelle Themen: Klima und künstliche Intelligenz

Das Papier „Auditing Climate Change Issues“ (PDF) zeigt, wie das Klimawandel-Amendment im Kontext der ISO 9001 betrachtet werden kann. Entscheidend ist nicht die pauschale Forderung nach Klimaschutzmaßnahmen, sondern die nachvollziehbare Bestimmung, ob der Klimawandel für das QMS relevant ist. In der Auditpraxis wird dieses Thema teilweise nur oberflächlich, teilweise aber auch übermäßig stark und losgelöst vom konkreten Kontext auditiert. Wichtig ist der Bezug zum Scope; bei der ISO 9001 steht die Fähigkeit der Organisation im Mittelpunkt, konforme Produkte und Dienstleistungen bereitzustellen sowie die Kundenzufriedenheit zu erhöhen. Für manche Organisationen können beispielsweise veränderte Wetterbedingungen oder Unterbrechungen der Lieferkette relevant sein, für andere hingegen nicht.

Das Papier „Auditing a QMS that uses Artificial Intelligence“ (PDF) behandelt den Einsatz künstlicher Intelligenz im QMS.

Im Mittelpunkt stehen Frage wie:

  • Welche Anforderungen ergeben sich durch die Thematik für Auditoren?
  • In welchen Prozessen und für welche Entscheidungen wird KI eingesetzt?
  • Wie werden Datenqualität, Verzerrungen, Modelländerungen, Validierung, menschliche Kontrolle und Rückverfolgbarkeit beherrscht?

Maßstab bleibt die Sicherung der Prozesssteuerung, der Produkt- und Dienstleistungskonformität sowie der QMS-Ziele. Das Dokument stellt aber keine Anleitung für eine Auditierung nach ISO/IEC 42001 dar.

Themen der ISO 9001:2026

Zur Revision sollen weitere Inhalte folgen. Die Aktualisierung des Dokuments zum risiko- und chancenbasierten Denken verbindet das präventive Denken aus früheren Normrevisionen mit dem risikobasierten Ansatz und gibt Hinweise zur Auditierung von Risiken und Chancen im Kontext der Organisation. Das geplante Papier zu Qualitätskultur und ethischem Verhalten soll die Auditierung im Geltungsbereich der ISO 9001 unterstützen. Es geht weder um ein allgemeines Ethik- oder Compliance-Audit noch um die isolierte Bewertung des persönlichen Verhaltens von Führungskräften. Entscheidend ist vielmehr, ob Qualitätskultur und ethisches Verhalten die Umsetzung des QMS und die Bereitstellung konformer Produkte und Dienstleistungen beeinflussen. Relevant können etwa der Umgang mit Fehlern und Abweichungen, die Integrität von Qualitätsdaten, Produktfreigaben oder nicht belegbare Qualitätsaussagen sein. Der Auditor bewertet somit nicht die allgemeine Moral einzelner Personen, sondern nachvollziehbare Auswirkungen auf Prozesse, Anforderungen und QMS-Ziele.

Praxisempfehlung für den Einsatz

Die APG-Dokumente unterstützen dabei, die Anforderungen der ISO 9001 fundiert zu interpretieren und auditierbar zu machen. Ihr Nutzen ist am größten, wenn sie als praxisorientierte Denkanstöße verstanden werden.

Ausgangspunkt bleibt stets die ISO 9001. ISO 9000 schafft die begriffliche Grundlage, ISO 19011 liefert die methodischen Leitlinien für Audits, und die APG-Dokumente unterstützen den Transfer in konkrete Auditsituationen.

Von Begriffen zur Auditpraxis

Abb. 1: Einordnung der APG

Wer die APG-Dokumente auf diese Weise nutzt, verbessert die Qualität der Auditfragen, die Auswahl geeigneter Nachweise und die Nachvollziehbarkeit auditbezogener Schlussfolgerungen.

Fazit und Ausblick

Die Fachbeiträge der ISO 9001 APG fördern prozess- und risikobasiertes Auditieren und geben Impulse für bessere Fragen und Nachweise. Ihr Wert steigt, wenn sie als Unterstützung und nicht als Checkliste genutzt werden.

Mit der ISO 9001:2026 stellt sich erneut die Frage, wie aktuelle Themen auditierbar werden: nicht nur „Wo steht die neue Forderung?“, sondern auch „Wie erkennen wir in unseren Prozessen, ob sie wirksam umgesetzt ist?“ Für diese Übersetzungsleistung kann die APG einen praxisnahen Beitrag leisten.

Ihre Praxis zählt: Teilen Sie der APG mit, welche Themen besonders relevant sind und welche Dokumente vorrangig ins Deutsche übersetzt werden sollten. Feedback ist ausdrücklich willkommen.

 

Maximilian Cerny ProbstÜber den Autor:
Maximilian Cerny-Probst ist Geschäftsführer der bavaria certification GmbH sowie Unternehmensberater, Auditor und Projektmanagement-Experte mit über 30 Jahren Berufserfahrung. Als Mitglied des DIN-Normenausschusses NA 147 und deutscher Vertreter in der ISO/TC 176 Auditing Practices Group wirkt er aktiv an der Weiterentwicklung der ISO 9001 mit. Sein Schwerpunkt liegt auf einer praxisnahen und bürokratiearmen Umsetzung von Managementsystemen.

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